Von Pascha bis Kibo

18.05.2006

Der erste Star des Zoologischen Gartens in Elberfeld kam auf eher ungewöhnliche Weise dorthin: Ursprünglich stammte der Löwe, der am 15. September 1899 zur Welt kam, aus dem Elberfelder Varieté „Salamander" und wurde nicht von Tierpflegern, sondern von der Familie eines Baumeisters mit Namen Hermanns mit der Flasche aufgezogen. Erst danach gehörte Pascha zu den Attraktionen im Zoo; zumal die Betonung anfangs mehr auf der Gartenanlage als auf der Tierhaltung lag.

Fast genau 18 Jahre vor der Geburt von Pascha – am 8. September 1881 – wurde der Zoo als zweitältester des heutigen Nordrhein-Westfalens gegründet. Größte Attraktion war zunächst das große Restaurationsgebäude, an das um die Jahrhundertwende noch 3 große Säle für Veranstaltungen angebaut wurden. Daneben überzeugte der Zoo die Besucher mit einem Gondelteich, Tennisplätzen und einer schon damals sehr schönen Gartenanlage.

Wie gesagt: die Tiere waren zunächst eher Nebensache. Es gab jedoch immerhin ein Haus für Strauße, Dromedare, Lamas und Kängurus, einen Bärenzwinger, jeweils ein kleines Affen-, Bison- und Hirschhaus, einige Volieren für Vögel und den Löwenkäfig. Kein Wunder aber, dass die Zoodirektoren anfangs zunächst Gärtner waren.

Ein „Königlich Preußischer Obergärtner" – Josef Keusch – war es jedoch auch, der ab der Jahrhundertwende im Elberfelder Zoo die neuesten tiergärtnerischen Entwicklungen der damaligen Zeit einbrachte. So wurden zum Beispiel 1909 die von Carl Hagenbeck entwickelten gitterlosen Tierpanoramen, die bis dahin nur in Hamburg zu sehen waren, in Elberfeld mit dem Bau des Nordlandpanoramas für Robben, Eisbären, Schafe und Ziegen eingeführt. Auch der Löwenkäfig wurde nach diesem Vorbild durch einen gitterlosen Felsen ersetzt – mehr Platz gab es für die Tiere damit jedoch nicht, bemängelt der heutige Zoodirektor Ulrich Schürer. Bis zum 1. Weltkrieg bescheinigt Schürer seinem „Kollegen" und dem Zoo jedoch eine „sehr positive Entwicklung".

Nach Krieg und Inflation war der Tierbestand auf 58 Säugetiere und 74 Vögel geschrumpft; unvorstellbar hoch war zudem der Betriebsverlust des als Aktiengesellschaft gegründeten Zoos. Aufwärts ging es erst wieder 1926 mit dem Beschluss, neue Tierhäuser zu bauen. Eines davon war das 1927 fertig gestellte Elefantenhaus, das noch heute von den Tapiren bewohnt wird. Für die damalige Zeit sehr fortschrittlich war auch das 1928 eröffnete neue Affenhaus mit einem bepflanzten Innenraum und aufschiebbarem Glasdach.

Auf Keusch, der 1934 in den Ruhestand trat, folgte ein ehemaliger Postbeamter als Direktor, Wilhelm Seiffge. Neben dem entscheidenden Merkmal eines Parteibuchs der Nationalsozialisten brachte er nach Aussage von Arne Lawrenz, der heutige Zootierarzt in Wuppertal, lediglich einige aquaristische Kenntnisse mit. Unter seiner Regie wurde die Aktiengesellschaft aufgelöst und der Zoo von der noch keine 10 Jahre alten Stadt Wuppertal übernommen. 1941 musste Seiffge – nach einem Unfall mit Todesfolge – den Posten räumen.

Eduard Wiedermann, zum ersten Mal ein promovierter Zoologe, übernahm die Direktion und musste gleich mit den Zerstörungen kämpfen, die der 2. Weltkrieg auch im Zoo hinterließ. Obwohl der Wuppertaler Tiergarten diese Zeit insgesamt gut überstanden hat, war der Tierbestand abermals stark dezimiert – wobei Schürer nicht ausschließt, dass einige in den Bombennächten entlaufene Tiere in den Kochtöpfen der hungernden Bevölkerung gelandet sein könnten.

Dass im Zoo nur relativ wenig zerstört wurde und in der Folgezeit ein recht häufiger Wechsel im Direktorat stattfand, hatte zur Folge, dass in den Nachkriegsjahren nur wenig Neues entstand. Was damals sicherlich zu bedauern war, sieht Schürer heute als Glücksfall an, weil mit dem Wirtschaftswunder auch die Zoobauten weniger bescheiden als in den Jahren zuvor ausfielen.

Die Nachkriegszeit brachte vor allem aber auch Fortschritte in Sachen Tierpflege: So wurde 1949 die Tätigkeit als Tierpfleger zum von der Industrie- und Handelskammer anerkannten Lehrberuf ernannt; eine Entwicklung die vor dem 2. Weltkrieg in Königsberg begonnen hatte. In Wuppertal legten nach 3-jähriger Lehrzeit 1952 die ersten Tierpfleger ihre Prüfung ab – womit deutlich wird, dass nun endgültig die Tiere im Vordergrund des Zoos standen. Das verstärkte sich noch mit der Gründung des Fördervereins 1955, der bis heute als Zoo-Verein Wuppertal e. V. für den Tierpark aktiv ist.

Die Idee zu einem Förderverein für den Tiergarten hatte der damalige Zoodirektor Richard Müller, der sich Unterstützung beim Wuppertaler Oberbürgermeister Heinrich Schmeißing holte. Ziel war es, den Zoo mithilfe engagierter Bürger weiterzuentwickeln beziehungsweise auszubauen.

Als erstes Projekt entstand 1960 ein Vogelhaus. In enger Abstimmung mit den jeweiligen Zoodirektoren wurden daneben durch Spendengelder unter anderem ein Gibbon-Haus (1966), die Königspinguin-Anlage (1970), die Wolfsanlage (1973), die Anlage für Kanadische Biber (1981), die Freiflughalle (1993) und das bisher größte Projekt, die Außenanlage für Orang-Utans (2003) gebaut.

1985 kam die Zooschule hinzu, in der die Mitglieder des Vereins ihre Versammlungen abhalten, in der aber vor allem Schülerinnen und Schüler über die Hintergründe der Tiergärten, über Artenschutz, Zucht und Forschung informiert werden. Jährlich kommen nach Aussage von Bruno Hensel, heutiger 1. Vorsitzender des Vereins, bis zu 14.000 Kinder und Jugendliche in die Zooschule.

Neben vielen weiteren Projekten, die der Zoo-Verein begleitet – wie derzeit der Bau der Brillenpinguin-Anlage als Geschenk zum 125. Geburtstag des Zoos – helfen die Mitglieder mit ihren Beiträgen sowie die Spender, Projekte auch außerhalb Wuppertals zum Artenschutz zu unterstützen. So gehen jährlich 5.000 Euro an den Vogelpark-Walsrode-Fonds e. V., der auf der Insel Madagaskar ein Vogelschutz-Projekt vorantreibt.

Damit ist auch gleich eine Aufgabe umrissen, der sich die heutigen Zoologischen Gärten verschrieben haben: dem Artenschutz. Das beinhaltet unter anderem Forschung und Erhaltungszuchtprogramme, bei denen der Naturschutz immer als übergeordnetes Ziel sichtbar wird. „Durch Zucht und Austausch von Tieren zwischen den Zoos werden wildlebende Populationen geschützt", erklärt Alexander Sliwa, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zoo Wuppertal. Dabei werden zum Beispiel Haltungs- und Zuchterfahrungen aus dem Zoo an Forschungseinrichtungen weitergegeben, etwa über die Beantwortung von umfangreichen Fragebögen. Darüber hinaus führt der Zoo Wuppertal 3 Internationale Zuchtbücher, seit 1987 zum Beispiel das über Pudus. Darin werden die genetisch wichtigen so genannten Verpaarungen für die 100 in Europa gehaltenen Pudus berechnet, mit den Haltern diskutiert und danach die Zusammenführung der Partner empfohlen, erklärt Sliwa. Ein weiteres Zuchtbuch gilt seit 1988 den Schwarzfußkatzen, der kleinsten afrikanische Katzenart. 1997 kam das Zuchtbuch für die Oman-Falbkatze hinzu.

Derzeit ist der Wuppertaler Zoo an 36 europäischen Erhaltungszuchtprogrammen beteiligt und stellt seine Daten für 13 Europäische und 30 Internationale Zuchtbücher zur Verfügung. Und nicht zuletzt ist hier auch die erfolgreiche Haltung von Elefanten im Wuppertaler Zoo – inklusive Nachwuchs – zu nennen. So avancierten die beiden Jung-Elefanten Bongi und Kibo zu den absoluten Stars des Zoos. Damit haben sie das Flusspferd Lina, die Indische Elefantenkuh Siwa und die Schimpasen Epulu und Kitoto abgelöst, die im Laufe der Jahre immer wieder Besucher in den Zoo lockten. Bongi kam im Juni 2005 als erster Afrikanischer Elefant in Wuppertal zur Welt. Im Oktober des gleichen Jahres folgte Halbbruder Kibo – und weiterer Nachwuchs wird bereits erwartet.

Doch ausgerechnet mit Plastiktieren wird der Geburtstag des Zoos gefeiert – und hat bei den Wuppertalern und vielen Fans aus der Umgebung für wahre Euphorie gesorgt. Gemeint sind die 1,80 Meter großen Pinguine, die derzeit bunt bemalt überall in der Stadt zu sehen sind. Sogar bis nach Brasilien ist dieser spezielle Werbeträger für die Stadt und ihren Zoo gekommen. Nachempfunden sind die Figuren dem Wappentier des Zoos, dem Königspinguin.

Am 19. August 2006 werden alle 200 Plastik-Kameraden mit der Schwebebahn in einer Art Parade, der Pinguinale, in den Zoo einziehen, wo sie bis Oktober von allen Besuchern eingehend betrachtet und mit ihren echten Vorbildern verglichen werden können.

Silke NasemanN

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